La sagrada familia
Als ab 1860 die Stadt Barcelona über die mittelalterlichen Stadtmauern hinaus wuchs und die geometrisch regelmäßig angelegte Neustadt "Eixample" mit ihren rasterförmig angelegten Straßen entstand, gründete der Buchhändler José Bocabella einen Verein zum Bau einer Kirche, die der Heiligen Familie ("Sagrada Familia") geweiht werden sollte.
Aus diesem zunächst vom Kirchenarchitekten Francisco de Villar in konventionell-neugotischem Stil entworfenen Grundriss wurde die größte Sehenswürdigkeit Barcelonas, Touristenmagnet und eines der berühmtesten Gebäude des 20. Jahrhunderts.
Als es nämlich zwischen Bocabella und de Villar zum Zerwürfnis über die Gestaltung des Baus kam, übernahm im Jahr 1883 der gerade dreißigjährige katalanische Baumeister Antoni Gaudi den Auftrag.
Unter seiner Leitung wurde das Projekt so üppig dimensioniert und ausgestaltet, dass es bald "die Kathedrale" genannt wurde, obwohl Barcelona natürlich bereits in der Altstadt eine Kathedrale besaß und Gaudis Kirche gar kein Bischofssitz war. Der offizielle Namen der Kirche jedenfalls war und ist "El Temple Expiatori de la Sagrada Familia" - der "Sühnetempel".
Gaudis einzigartiger und unvergleichlicher Architekturstil ist geleitet von der Suche nach der ursprünglichen, reinen organischen Form, viele Strukturelemente gleichen Bäumen oder anderen pflanzlichen Formen und ähneln insofern Jugendstil oder art nouveau.
Aber Gaudi verabscheute den Modernismus - bei seinen sakralen Bauwerken verfolgte er allen Ernstes den Anspruch, die Unzulänglichkeiten und Mängel der Gotik zu verbessern. In der Sagrada Familia verschmilzt Gaudis Interpretation der Gotik mit einer phantasievollen und in ihrem Detailreichtum überwältigenden Symbolik von Gestalten, Figuren, Farben und Buchstaben.
Höhepunkt der Kathedrale ist die so genannte Weihnachtsfassade, die der Geburt und der Jugend Christi gewidmet ist. Die Säulen, Torbögen und Türme, auch die Tierfiguren atmen noch den Geist der Gotik. Aber sie sind überformt, geradezu überwuchert von Tierfiguren, Mosaiken, Eiszapfen, Schuppen und anderen Elementen - Architektur und Skulptur verschmelzen. Die Fülle der Eindrücke ist am besten von der Fußgängerbrücke zwischen den Türmen der Fassade aus zu bewundern (Achtung: hier kann es sehr voll werden; Wartezeiten muss man einplanen.)
Für Gaudi wurde die Sagrada Familia zum Lebensprojekt, an dem er dreiundvierzig Jahre lang arbeitete. Aus dem Baumeister wurde mit der Zeit ein tief religiöser, frommer Mann, der seine letzten Lebensjahre praktisch Tag und Nacht auf der Baustelle verbrachte und sie nur zum regelmäßigen Kirchgang verließ.
Am 7. Juni 1926 wurde er in der Nähe der Kathedrale von einer Straßenbahn angefahren. Der ärmlich wirkende Meister wurde nicht erkannt und in ein Armenspital eingeliefert, wo er drei Tage später starb. Er liegt in der Krypta der Sagrada Familia unter einer einfachen Steinplatte begraben. Zu seinen Lebzeiten waren lediglich einige der geplanten sechzehn
Türme fertig geworden, außerdem die Krypta und Teile der östlichen und südlichen Fassade.
Gaudi selbst hatte die Bauzeit großzügig auf zweihundert Jahre berechnet, so dass sich kommende Generationen von Architekten und Bildhauern mit seinem Fragment gebliebenen Meisterwerk auseinander zu setzen hatten und haben (unter ihnen Josep Maria Subirach, der inspiriert von Zeichnungen und Modellen Gaudis die östliche, so genannte "Passionsfassade" schuf).
Die Baukräne werden mindestens noch bis 2026 über dem Wahrzeichen Barcelonas in den Himmel ragen - dann, zum einhundertsten Todestag von Antoni Gaudi, soll die Sagrada Familia "fertig" sein.
|